Sonntag, 29. Mai 2011

Leserbrief 05

Das Großaufgebot des Herrn N. in der Leserbriefspalte vom 27. Mai marschierte ins Leere, weil der Kollege nicht richtig gelesen und deswegen falsche Nachrichten von sich gegeben hatte. Möglicherweise aber hat er seinen ausgetretenen Pfad beschritten: Die Dinge leicht verdrehen und seine Interpretation der Fakten als Fakt darzustellen. Die herablassende Attitüde aber war unter der Gürtellinie. So springt mit mir niemand um, der mich im Bedarfsfall "Freund" nennt und unter den Schirm meiner Worte flüchtet. Also habe ich pariert, und anderntags war bereits zu lesen:


Reinmar Wipper, Nürtingen. Zum Leserbrief „Der Maientag und die Traditionen“ vom 27. Mai. Kollege Nauendorf musste mal wieder ganze Breitseiten abfeuern, um das Papierschiffchen zu versenken, auf dem ich Kapitän bin. Ich brauche aber seine Rhetorik nicht, mit der er einmal mehr die Welt nach seinem Willen und seiner Vorstellung erklärt. Es geht doch lediglich um die Frage, womit der Nürtinger Maientag eröffnet wird.
Im Maientagsprogramm steht: Mit „dem“ Fassanstich. Das lehne ich ab, und echte Nürtinger wissen, was ich meine. Es ist daneben, mir zu unterstellen, ich missbilligte den Festzeltbetrieb und den Rummel. Erst recht brauche ich keine Belehrungen darüber, in welchem Verhältnis meine „Fähigkeiten“ zu „solchen Leserbriefen“ stehen. Von beidem hat er schon ausgiebig profitiert. Das ist nun endgültig gegessen. Mahlzeit!



Das ist am Maientagsmorgen in der Zeitung gestanden, und vor dem Rathaus haben mir alte Nürtinger, die auf den Festzug gewartet haben, mit Handschlag gratuliert.

Und dann ging´s ins Festzelt. Mit der ganzen Familie. Was dort passiert ist, das steht dann im Leserbrief 06.


Leserbrief 04

Nach dem Leserbrief 03 fühlte sich der dienstälteste Stadtrat im Nürtinger Gemeinderat herausgefordert, auf breiter Front mobil zu machen:


Helmut Nauendorf, Nürtingen. Alles, was beim Maientag passiert, wird im Maientagsausschuss diskutiert und der Verwaltung empfohlen oder eben auch nicht. Dieser Ausschuss besteht aus den Vertreterinnen und Vertretern der Nürtinger Schulen und aus Mitgliedern der Verwaltung, angefangen vom Bürgermeister (künftig der Bürgermeisterin) über die Vertreter des Kultur-, Schul- und Sportamtes bis hin zu den betroffenen Amtsleitern. Kurzum aus allen, die den Maientag zu organisieren und zu gestalten haben. Ich gehöre diesem Gremium seit 40 Jahren an. Ich weiß, was sich in dieser Zeit alles verändert hat, auch beim Maientag.
Im letzten Jahr hat dieser Ausschuss in großer Runde getagt mit Vertretern der Schausteller. Auch die Fraktionen waren eingeladen. Nur ein Vertreter der Nürtinger Liste/Grüne erschien nicht. Es ging um die weitere Gestaltung des Maientages.
Es ist eine seit Langem diskutierte Frage, ob Bierzelt und Karussells zur Tradition des Maientags passen. Sicherlich nicht, wenn man den ursprünglich pietistischen Kern des Maientages betrachtet, auch die Ansätze der aufgeklärten Pädagogik. Aber man kann ja mal die Kinder befragen, ob sie auf Karussells verzichten wollen. Über Bierzelte kann man unterschiedlicher Auffassung sein.
Wenn man aber das Bierzelt will, dann langt es nicht, wenn Herr Wipper und andere Bürger nach dem Festzug ein oder mehrere Bier trinken und eine Rote essen. Dann muss dieses Zelt an möglichst vier Nachmittagen und Abenden mit Veranstaltungen „bespielt“ werden. Die Kosten für ein Zelt sind nicht erst neuerdings exorbitant hoch. Und es bedarf eines erheblichen Umsatzes, um das überhaupt finanzieren zu können. Vereine können sich das im Regelfall nicht mehr leisten.
Unter anderem ging es bei der besagten Sitzung darum, den Fassanstich nicht parallel zum Maiensingen und zum anschließenden Lehrertreffen zu legen. Deshalb kam es zur jetzigen Lösung, an der der Oberbürgermeister nicht mitgewirkt hat. Manche Menschen, Herr Wipper, schnitzen sich auch ihre „Gegner“ selber. Wenn man an Beratungen teilnehmen würde, könnte man in der Woche des Maientages kein Fass aufmachen.
Und darum scheint es neuerdings zu gehen. Es ist erstaunlich, dass ein Mann mit diesen Fähigkeiten auch zu solchen Leserbriefen fähig ist. Wie viele Stadträte und Lehrer am Anerkennungsabend in der Stadthalle auf Kosten der Stadt trinken dürfen, erörtere ich hier nicht. Wir kommen gerade aus der schwersten Finanzkrise der Nachkriegszeit. Vergessen, Herr Stadtvater? Prost!

Vielerlei in und zu dieser Schrift ist bemerkenswert:

1     Der Verfasser ist kommunalpolitisches Urgestein der Stadt, Träger hoher Auszeichnungen, Verdienstkreuze und Lorbeeren, lange Jahre als überparteilich geachteter Sozialdemokrat, heute, nach der verbitterten Rückgabe seines Parteibuches, als Mitglied der Fraktion Unabhängige Freie Bürger.
2     Dem Verfasser habe ich lange zugearbeitet. Hin und wieder hat er mich seinen Freund genannt, mit kurzen Verfallsfristen, je nachdem, ob er mich gebraucht oder als Rivale gesehen hat.
3     Eine Einladung zum Runden Tisch mit allen Beteiligten und Schaustellern habe ich nie erhalten. Würde mich auch wundern, denn der Oberbürgermeister ist ja froh, dass er mich rausdrängen konnte.
4     Nie ist in Frage gestellt worden, dass der Maientag durch einen Festzeltbetrieb und einen Rummel bereichert wird. Ich bin schon Kettenkarussel gefahren und saß mit meinem Opa im Zelt, als der Schreiber des obigen Leserbriefs noch nicht wusste, wo Nürtingen liegt.
5     Die Rendite eines Festzeltbetreibers hängt nur davon ab, an wievielen Tagen er wie lange servieren darf. Sie hängt aber nicht davon ab, ob und wann man eine Bierkönigin einlädt, die mit dem Oberbürgermeister ein Fass aufmacht und selbiger Akt als "Eröffnung des Maientags" ins Programmheft kommt.
6     Der ironische Gebrauch der Anrede "Herr Stadtvater" sowie die förmliche Anrede mit "Herr Wipper" kennzeichnet die Talphase der unter Punkt 2 erwähnten Wechselbäder, die Herr N. denen angedeihen lässt, die er neben sich braucht aber eben nur als Bonsai-Ausgabe seiner selbst.    
1950 Klasse 1a
Hölderlin-Grundschule.
Einer der Buben bin ich.
7     Am Maientag teilgenommen, als Schulbub im Jahre 1950, habe ich zum ersten Mal vor 61 Jahren. Aktiv mitgearbeitet, anfangs als Mitglied der berühmten Kunst-AG des Max-Planck-Gymnasiums unter Otto Zondler, habe ich seit 1959. Später als Lehrer mit meinen Schülern vom beruflichen Schulzentrum Auf dem Säer. Damals war ich viele Jahre Mitglied des Maientagsausschusses, bis es der damalige Rektor der Ersbergschule durchsetzen konnte, das die Schulen des Landkreises nicht mehr und nur noch die Schulen der Stadt teilnehmen durften.
8     Bis vor zwei Jahren saß ich als Moderator des Maiensingens im Maientagsausschuss. Bis mich der Oberbürgermeister rausgeschmissen hat. Aber das ist eine andere Geschichte, demnächst in diesem Theater.
9     Deswegen ist es Quatsch zu sagen, der Oberbürgermeister habe im Maientagsausschuss nicht mitgewirkt. Der Herr Oberbürgermeister ist erklärter Freund des Festzeltbetreibers und hat mit diesem für fünf weitere Jahre einen Vertrag gemacht. Ohne den Gemeinderat oder irgendeinen Ausschuss. Was der Herr Oberbürgermeister will, zum Beispiel seinen Fassanstich,  sagt er den Amtsleitern und die setzen es um.
10  Der Herr N. weiß das alles. Wenn er aber glaubt die Hellebarde zum Schutze der Stadt schwingen zu müssen, dann filtert und polarisiert er sein Wissen. Oder er vergisst es bereits. Das kennen wir alte Männer nur zu gut. Aber je älter wir werden, desto lächerlicher sehen wir in der Jungsiegfried-Pose aus. Die Eitelkeit drückt da dem Eitlen beide Augen zu.

Weiter geht es mit Leserbrief 05.

Leserbrief 03

Der Nürtinger Maientag ist ein Traditionsfest, dessen 400-jähriges Jubiläum im Jahre 2002 begangen wurde. Mit einem Riesenfestzug, der im Regen ertrank, weil man nicht den Mut hatte, vom Samstag auf den Sonntag zu rücken. Wegen logistischer Hürden.
Heuer war wieder ein ganz normaler Maientag und ein ganz normaler Festzug. Im Vorfeld gab es Reibereien, weil das Stadtoberhaupt den Beginn des Maientages partout durch einen Fassanstich im Bierzelt markieren wollte. Dagegen wehren sich alte Nürtinger wie ich. In der voran gegangenen Gemeinderatssitzung habe ich dagegen gewettert. Mein Fraktionskollege Rauscher blies ins gleiche Horn. Und dann stand in der Zeitung:

Kritik an Fassanstich zum Maientagsstart
Räte stören sich an Änderung im Programm des Traditionsfestes

VON ANNELIESE LIEB
NÜRTINGEN. „Eröffnung des Maientags mit Fassanstich durch Oberbürgermeister Heirich“ – dieser Satz im Programm des Nürtinger Heimatfestes, das heuer vom 27. bis 30. Mai gefeiert wird, trieb zwei Stadträten die Zornesröte ins Gesicht. Peter Rauscher und Reinmar Wipper von der Nürtinger Liste/Grüne brachten ihre Verärgerung in der Sitzung des Kultur-, Schul- und Sozialausschusses wortreich zum Ausdruck. Dass der Maientag nicht mit dem Maisingen eröffnet wird, sondern mit dem Fassanstich im Zelt, sieht Rauscher als „Eingriff in gewachsene Strukturen unserer Stadtkultur“. Ihm missfalle, dass in den obersten Regionen des Rathauses solche Dinge entschieden würden, ohne den Gemeinderat vorher zu hören.
Jörg Widmaier, der Leiter des Schul-, Kultur- und Sportamtes, entkräftete den Vorwurf. Ein Arbeitskreis habe sich mit dem Festprogramm beschäftigt. Um Überschneidungen mit dem „Lehrervesper“ nach dem Maisingen (es handelt sich dabei um eine Dank-Veranstaltung der Stadt, um den Lehrern für ihr Engagement beim Maientag zu danken) und dem Fassanstich zu vermeiden, habe man die Eröffnung im Zelt vorgezogen. So könnten die Gemeinderäte sowohl beim Fassanstich als auch beim Maisingen dabei sein. Das sei dem Gemeinderat so auch zur Kenntnis gegeben worden.
Auch Arnulf Dümmel (Freie Wähler) vertrat die Auffassung, dass der Maientag nicht mit dem Fassanstich eröffnet werden sollte. CDU-Fraktionschef Kunzmann fand die Sache etwas zu hoch gehängt. Den Festbetrieb parallel zum Maisingen habe es schon immer gegeben. Dazugekommen sei lediglich der Fassanstich, der zumindest einer Person besonders wichtig sei. Aber „Festzelt und Rummel gehören auch zum Maientag“. Dr. Otto Unger empfahl, im nächsten Maientagsprogramm 2012 beim Fassanstich die Worte „Eröffnung des Maientages“ zu streichen.


Wieder mal dasselbe Spiel: Wir wenden uns gegen den Fassanstich als vorgezogenen Beginn und Startschuss des Maientags - und wer nicht genau hinhört, der unterstellt uns, wir lehnten den Festbetrieb auf dem Rummel ab. Es ging auch nicht um Kritik an einer "Entzerrung", sondern darum, dass a) ein Fassanstich zum traditionellen Maientagsritual erklärt wird und b) damit dem Maiensingen als traditionelle Eröffnung des Maientags der Rang abgelaufen wird. 

Deshalb habe ich in einem Leserbrief an meine Heimatzeitung dazu Stellung genommen:


Reinmar Wipper, Nürtingen. Zum Artikel „Kritik an Fassanstich zum Maientagsstart“ vom 20. Mai. Warum soll ein Mann etwas gegen Fassanstiche haben? Und erst recht am Maientag? Als Mann aus Nürtingen finde ich es aber verkehrt, wenn der Oberbürgermeister das Fass-Anstechen zu einem Maientagsritual hochlobt und damit sogar den Maientag eröffnen will. Neuerdings. Der Maientag ist aber kein Neuerdings. Er hat seine Tradition, ob das neuerdings passt oder nicht. Und das werde ich einfordern solange ich lebe.
Nichts gegen Bierzelte, Rummel und Anmachmusik. Mein erster Weg nach dem Festzug führt mich mitsamt der Familie ins Zelt zum kühlen Festbier und der heißen Festwurst. Seit einem halben Jahrhundert. Aber das ist Beiwerk. Der Maientag ist das Fest der Nürtinger Familien, der Kinder – und der Stadtväter.
Als Mitglied der Letzteren habe ich dazu meinen Mund aufgemacht, und ergänzt gesagt, ich würde mich so lange zu Wort melden, wie jemand glaube, den Maientag nach seinem Bilde schnitzen zu können. Zum Maientag gehört als Beginn das Maiensingen der Schulkinder und nicht das Fassanstechen der Volksfestler. Und danach das gemeinsame Vesper von Stadtvätern und Lehrern, ein Akt gegenseitigen Respekts und der Anerkennung. Da wird aber ohne Not gespart und geklemmt, sodass man sich schämen muss.
In jeder Sitzung ist das Vesper üppiger. Zwölf Stadträte des Kulturausschusses und die unermüdlichen Maientagslehrer sind geladen. Alle anderen sind Selbstzahler. Und das zweite Getränk holt man sich bittschön selber an der Kasse. Im selben Atemzug werden im Rathaus riesige Summen durchgewinkt, die sich keiner vorstellen kann.
Im Zeitungsbericht sind meine kritischen Worte meinem Kollegen Rauscher in den Mund gelegt worden. Das ist nicht weiter schlimm. Wir sind uns ja einig. Vielleicht auch hat die Berichterstatterin gemeint, beim Kollegen Rauscher komme es eh nicht mehr drauf an. Ich lege jedoch Wert darauf, dass auch ich in diesem Fall zu den Polterern gehöre. Und zwar mit erhobenem Haupt. Und so lange, bis es nicht mehr nötig sein wird. Und das tät ich gerne noch erleben, so Gott will.

Darauf hat dann ein weiterer Kollege geantwortet. Und das lesen wir unter der Überschrift Leserbrief 4.

Donnerstag, 17. März 2011

Leserbrief 02

Nachdem sich Frau Merkel, die Bundeskanzlerin, beim Salto Atomaris vom vergangenen Wochenende immer noch nicht das Kreuz gebrochen hatte, titelte Wolfgang Molitor auf der Ersten Seite der Nürtinger Zeitung: "Typisch Merkel!" Er lobte die explosive Energie, mit der Frau Merkel die Wende der Wende der Wende der deutschen Atomenergiepolitik angesprungen ist: Hoch auf die Seil, wie war sie herrlich anzuschaun! Oh mein Papa, war eine schöne Kinstlär!
Diese Frau hat sich tatsächlich zum Vorturner und Übervater aller Kronprinzen der CDU gemacht. Entweder hat sie die Burschen entsorgt oder diese sich untertan gemacht. Was letztlich auf dasselbe hinausläuft. Noch vor einer Woche steckte die CDU bis zum Anschlag in den Hintern der Atomenergiewirtschaft, hat Profit vor Sicherheit gesetzt, von Risiken nichts wissen wollen und die so genannten Restrisiken als kalkulierbar eingestuft. Ihr treuer Vasall Mappus aus Mühlacker hatte sogar erwogen, Bundesumweltminister Röttgen  aus dem Amt zu treiben, weil der etwas nachdenklicher war also er.
Heute, nach nur vier Tagen, erklärt dieselbe Partei man müsse sofort alle älteren Atomkraftwerke abschalten. Denn damit hätten sich Grüne und Rote in der Vergangenheit schwer getan. Gottseidank sei die CDU so entscheidungsfreudig, nach der japanischen Katastrophe nunmehr die richtigen Schritte in die richtige Richtung zu tun.

Talleyrand (1754 - 1838)
Im Gleichschritt dekorieren die Stuttgarter Nachrichten um. Während DIE ZEIT auf Seite Eins fordert: Keine Lügen mehr, Frau Kanzlerin! entblödet der politische Chefkommentator der Stuttgarter Nachrichten sich nicht, Merkels politisches Windspiel  als staatsmännische Raffinesse zu bewundern. Getreu dem Motto des gewaltigsten Opportunisten der jüngeren Geschichte, Bischof Charles Maurice de Talleyrand-Périgord: Hochverrat, Sire, ist eine Frage des Datums (Zu Zar Alexander I. zur Zeit des Wiener Kongresses. siehe Wikipedia). Dieses französische Chamäleon hat alle politischen Phasen vor während und nach der Französischen Revolution nicht nur überstanden. Talleyrand ist stets oben geschwommen, als Fettauge, immer auf der richtigen Seite der Wurstsuppe. Zur Not auch im Ausland, In England, den USA, Talleyrand am Tellerrand sozusagen. Um genau dann zurück zu kehren, wenn es günstig für ihn war, opportun, ein Opportunist also. Als solche erweist sich zurzeit die komplette CDU. Ohne Scham. Ohne Skrupel. Allein aus Angst, ihre Hochburg Baden-Württemberg geschleift zu bekommen. Denn das wäre der Einstieg in den Ausstieg von Frau Merkel.
Talleyrand mit den Zeichen
seiner wechselnder Loyalität.
(zeitgenössische Karikatur)
Die deutsche Atomkarawane hat nun den Kurs gewechselt. Nicht wegen Japan sondern wegen drei Landtagswahlen in allernächster Zeit. Für drei Monate werden die Regelungen ausgesetzt - ein Moratorium nennt man das - die vor Monaten noch ohne den Bundesrat durchgeboxt worden sind und eine gewaltige Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke freigegeben haben. Soll alles nicht mehr wahr sein. Die angeblich sicheren Kraftwerke plötzlich so marode, dass sie über Nacht vom Netz müssen. Die Energieriesen sind derweil auf Tauchstation, Merkel und Mappus haben das Gesangbuch gewechselt und Kommentator Molitor schreibt die Propaganda dazu.
In meiner Wut darüber, und weil mir als Nürtinger nichts anderes übrig bleibt als die Stuttgarter Nachrichten mit zu beziehen, wenn ich die Nürtinger Zeitung lesen will, in diesem Ärger habe ich unmittelbar nach Molitors Artikel einen Leserbriefe verfasst. Er ist nicht erschienen. Heute nun erfahre ich per Telefon, die Redaktion der Nürtinger Zeitung habe eine Regelung, nach der von ein und demselben Schreiber pro Woche nur ein einziger Leserbrief erscheinen könne. Nie gehört. Ich kenne fast alle Redakteure der NtZ - davon aber hat noch keiner was erzählt. Einmal hatten die sogar am selben Tag zwei Briefe von mir im Blatt, weil sie den ersten 12 Tage haben liegen lassen. Sei´s drum: Vor kurzem hatte ich schon mal einen geschrieben. Von dieser Regelung wusste ich aber nichts, sonst hätte ich mir doch nicht die Zeit gestohlen. Deswegen setze ich diesen Leserbrief nun hier rein, so, wie ich ihn abgeschickt hatte:

Reinmar Wipper, Nürtingen. Zum Tagesthema „Typisch Merkel“ vom 15. März. Während in Japan eine Jahrhundertkatastrophe aus den Atomkraftwerken quillt, glühen die bloßgelegten Brennstäbe der deutschen CDU in rot und grün. Vor einer Woche noch ist man von den schwarzen Atomkraft-Propheten höhnisch verlacht worden, wenn man die energiereichen Taten von Ministerpräsident Mappus wegen technischer Bedenken in Frage gestellt hat. Heute aber ist bunt geworden, was vordem schwarz war, krumm was gerade, richtig was falsch.
Ich fühle mich als Bürger beleidigt durch die Art und Weise, wie die Christdemokraten sowohl mit ihrem politischen Glaubensbekenntnis umgehen, das ich ganz gut kenne. Und mit den Wählerinnen und Wählern: Seit sie um ihre Macht bangen müssen, steht alles zur Disposition. Sie ringeln die Zunge, wie jene Schlange, die Eva einen Apfel angedreht hat. Damals ist erhoffte Klugheit als Nacktheit in die Welt gekommen. Das biblische Spiel um des Kaisers neue Kleider. Die haben ja gar nichts an, heißt es da.
Es geht nicht mehr um verschiedene politische Auffassungen und Richtungen. Es geht um den Kern der Verlässlichkeit und der Glaubwürdigkeit. Wolfgang Molitor nennt dies dreist „Typisch Merkel“. Die Kanzlerin mache den Weg frei für die Abschaltung von Atommeilern, so schreibt er. Überschriften können furchtbar lügen. Umgekehrt: Die Katastrophe von Fukushima macht diesen Weg frei, und drei Landtagswahlen. Sollten die von der CDU erneut gewonnen werden, wird die CDU ihr grünes Mäntelchen rasch wieder ablegen. Über Nacht haben die Schwarzen alles eingestampft, was zuvor zum zentralen Credo ihrer Atom-Politik gehört hat. Und Frau Gönner (Umweltministerin) kritisiert die Opposition: Man instrumentalisiere die japanische Katastrophe für den Wahlkampf. Auch hier umgekehrt: Der Merkel´sche Ausstieg und die Oettinger´sche Neubewertung der Atomkraft sind Luftblasen, in denen die CDU das Ersticken im Wahlkampf überstehen möchte.
Nach wie vor lautet die entscheidende Frage: Haben CDU und FDP vor der Laufzeitverlängerung für uralte Kraftwerke wie Neckarwestheim deren Sicherheitslage überprüft? Oder nicht? Wählen gehn!

Donnerstag, 10. März 2011

Laudatio für Hellmut Kuby

Der Nürtinger Architekt und Pazifist Hellmut Kuby erhielt am Aschermittwoch 2011 von der Nürtinger SPD das Ei der Heckschnärre verliehen für seinen aufrechten bürgerschaftlichen Einsatz für Belange der Stadt und der politischen Moral.

Aus meiner Laudatio hier die wesentlichen Abschnitte. Persönliches wurde an den durch ..... markierten Stellen übersprungen.


Ich darf Ihnen, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, die Verdienste und die persönlichen Maßstäbe des Mitbürgers Hellmut Kuby skizzieren. Er hat ein ganzes Berufsleben lang in Nürtingen gelebt und gewirkt, mit und in seiner Familie, in einer Werkgemeinschaft von nicht alltäglichen, authentischen Architekten. Er ist kein Ungehorsamer. Man kennt ihn nicht aus den Schlagzeilen. Er denkt und denkt nach, und er meldet sich zu Wort. Er hat geplant und gebaut, Bestehendes und Schwindendes, er misst sich selbst und andere an Werten, die ihm maßgeblich geworden sind. Dafür wird Hellmut Kuby heute das Ei der Heckschnärre zum Brüten anvertraut.
Er ist kein Anführer und Antreiber, kein Aufrührer und Umtreiber. Dies muss betont werden. Es ist ja Mode geworden, Gegenpositionen grundsätzlich als nicht staatstragend abzutun.
Kuby fällt nichts ein, wie der Bildhauer Alfred Hrdlicka gemeint hat - einem Baumeister sollte ohnehin nichts einfallen - ihm fällt was auf! Und daraus zieht er Konsequenzen. Bis hin zur Empörung! Und dann spricht er darüber, schreibt und handelt.
Dieser Pfälzer aus dem linksrheinischen Edenkoben, wo sein Vater eine Weinhandlung führte, groß geworden nur unweit vom Hambacher Schloss, dem süddeutschen Bergwerk der Gedankenfreiheit, hat in vielen Jahrzehnten das Nürtinger Revier zu seinem eigenen gemacht. Seine Familiengeschichte, von seinem Onkel Erich Kuby geschrieben, trägt den Titel „Lauter Patrioten“.
Hellmut Kuby ist den mitunter rohen Veränderungsabsichten im Biotop Nürtingen nicht ausgewichen. Ein Kriterium der Eierwürde hat er allerdings nicht erfüllt: Er hat nie geschärrt und geschnärrt. Er war und ist nie laut. Aus der Distanz sich annähernd, die Menschen beobachtend und die Standpunkte taxierend, pflegt er sich dazu zu stellen und erst mal zuzuhören. Ein Gentleman der Diskussion und des schlanken Widerwortes.
Er ist sanft auf die Füße derer getreten, die holzten und bolzten, und er hat sich nicht einschüchtern lassen. Er argumentiert, süffisant hin und wieder, schärfer als gewohnt, wenn er auf Ignoranz stößt, die sich zum Maßstab erheben will. Er hatte und hat es nicht nötig, mit der Abrissbirne zu kommen, wie oftmals diejenigen, gegen deren Absichten er sich zur Wehr gesetzt hat. Auch im Streit hat er immer abgewogen, Varianten und modifizierte Lösungen angeboten und dafür geworben.
.....
Als es in Nürtingen um einen Bunker ging, einen Atomschutzbunker, mitten in der Stadt, unter dem geplanten ALDI-Neubau, am unteren Ende vom Heiligkreuz, da haben Hellmut Kuby und sein Kollege Robert Maier klipp und klar im Rathaus erklärt, dass sie von diesem Teil der Planung entbunden sein wollten, sollte man von ihnen verlangen, den in ihren Augen sinnlosen Bunker ins Fundament zu legen.
Die Sache gipfelte in einem Bürgerentscheid, der allerdings erst beim Rathausneubau, aber eben in derselben unsinnigen Vorsorgeabsicht durchgesetzt worden ist. Am 16. März 1986 haben 47 Prozent der Abstimmungsberechtigten den Bunker vom Tisch gefegt. Ein unerhörtes Ergebnis, von dem jeder Kommunalpolitiker nur träumen kann. Die kollektive, bürgerliche Vernunft hatte gesiegt über die gewählte Vernunft ihrer Vertreter.
In jüngerer Zeit hat er durch einen kleinen Kniff viel bewirkt. Nach dem Studium der Umbaupläne zum Hölderlinhaus meinte er, offenbar sei weder dem Gemeinderat noch der Bevölkerung klar, dass aus sechs Zentimetern im Plan 12 Meter in natura werden. Also hat er auf der Schloßgartenstraße einen Pflasterstein, der die äußerste Ecke des geplanten Neubaus darstellte, rot lackiert. Alle Welt staunte, auf welche Enge dann der freie Platz vor dem Haus schrumpfen würde. Bald war der Abriss vom Tisch, und heute fehlt nur noch die Aufhebung des gemeinderätlichen Beschlusses.
Das hohe Maß an kritischer Reflexion, auch im Wettstreit der Meinungen, habe ich an Hellmut Kuby von Anfang an geschätzt. Wir standen vor 15 Jahren in den lehrreichen Auseinandersetzungen um die Hochspannungsleitungen, die über unser Grundstück im Roßdorf und über unsere südlichen Stadtteile geführt werden. Wir haben einen letztlich aussichtslosen Kampf gegen die Dominanz der Neckarwerke geführt. Bis in die Illustrierten haben wir es gebracht - und verloren, vor dem Verwaltungsgericht in Mannheim.
Politik, Wirtschaft und Gerichtsbarkeit zogen damals an einem Strang. Wir sind ausgetrickst und vorgeführt worden als besserwisserische Nörgler - und wir wissen es dennoch besser: Man wollte die Bürger und ihre Anliegen weder wahrnehmen noch ernst nehmen! Wir lehnten Profit ab, der das Allgemeinwohl vorschiebt.
Nach dem Urteil haben die Neckarwerke veröffentlichen lassen, natürlich sei es nicht zuerst um die Nahversorgung, also um das Allgemeinwohl gegangen, sondern um die Teilnahme am europäischen Stromverschiebebetrieb zwischen Frankreich und Ungarn. Das Allgemeinwohl als Dreingabe großer Konzerngeschäfte.
Damals schon ging es um die Grundfrage politischen Handelns, die heute in Nürtingen, in Stuttgart und an vielen anderen Orten stürmisch aktuell geworden ist und mittlerweile sogar von den Regierenden adaptiert wird: Die Bürger vor großen Entscheidungen rechtzeitig mitnehmen. Dieser Slogan wird aber so lange Wortstroh bleiben, wie den Sprüchen keine Taten folgen. Die entscheidende Frage lautet: Enden die demokratischen Ansprüche der Bürger mit dem Verlassen der Wahlkabine? Werden politische Ämter nach der Wahl in eine Art demokratischen Absolutismus entlassen, bis erneut gewählt wird?
.....
Schließlich ist von dem Pazifisten Hellmut Kuby zu reden, dem unermüdlichen Mahner gegen den Krieg. In Tarnanzügen kommt der Krieg daher, geschminkt durch sprachliche Pirouetten. Kuby´s Haltung zu jeder Art von Waffengang kann man nicht abfragen, so wie ich es als Schöffe in Widerspruchsverfahren für Kriegsdienstverweigerer erleben musste. Haltung ist nie spektakulär. Geht sie nach außen, verflacht sie zum Plakat. Haltung ist verletzlich. Man kann sich mit ihr weder panzern noch sich hinter ihr verkriechen. Haltung ist unberührbar und gleichzeitig ungeschützt. Wollte Haltung glänzen, würde sie zur Selbstinszenierung gerinnen, prostituiert auf dem Boulevard der Eitelkeiten.
.....
Widerstand ist ein Begriff, der seit den Kontroversen um Stuttgart 21, um den Großen Forst in Nürtingen, um das Verstümmeln oder unkenntlich Machen des Städtischen die Gesellschaft spaltet. Die einen wittern Verrat, sehen Ordnung und Gesetze, Regeln und Verträge ausgehebelt. Die anderen sehen im Widerstand den einzigen Weg, dieser Walze von behaupteten Sachzwängen auszuweichen. Hellmut Kuby erhält das Ei der Heckschnärre, dieses Symbol des sich Einmischens, weil er widerständig wird, wenn er das Wesentliche gefährdet sieht. Das Wesentliche aber ist für ihn die christliche Maxime „Missbrauche deinen Einfluss nicht dazu, das Leben anderer zu erschweren“.
Diese Form des Widerstands ist konstruktiv und konservativ im eigentlichen Wortsinn. Sie konserviert aber nicht, sie packt nicht in Konserven, sie bewahrt. Sie bewahrt das Bewährte vor dem Zugriff kurzlebigen Profits. Sie hat die Menschen im Sinn und hält diese für klug genug, gemeinsame, mehrheitliche Entscheidungen zu treffen, auch zwischen den Wahltagen. Dieser konstruktive Widerstand gehört zu dieser seit Jahren proklamierten Gesellschaft der Bürgerinnen und Bürger, für die ja die Auszeichnungen über unsere Stadt nur so vom Himmel fallen, für das „Wirgefühl“, das vor Jahren schon im Nürtinger Rathaus ausgerufen worden ist.
In solcher Haltung wird Denken und Handeln gebündelt in der Art der Schwarmintelligenz, wenn Einzelwissen und Einzelimpulse koordiniert werden, wie wenn Tausende von Vögeln oder Fischen sich im Schwarm bewegen, oder Zigtausend Ameisen oder Bienen ihre Staaten gestalten, steuern, stärken und schützen.
Diese Intelligenz bleibt nicht in der Wahlkabine am Kleiderhaken. Sie quillt hinein in die Stadt, geht mit anderen zusammen, in Fachgremien, in Laiengremien, auf Demonstrationen, in der Leserbriefspalte und bei Lokalterminen. Diese Form des Widerstands wird mit dem blödsinnigen Wort Wutbürger nicht beschrieben. Sie heißt Mitmachen, sich Einmischen, Abwägen, Bewerten, Warnen, Korrigieren. So hat Hellmut Kuby in Nürtingen jahrzehntelang und beispielhaft gewirkt und sich eingesetzt. Dafür danken wir ihm. Und dafür erhält er gleich jetzt dieses schöne Ei.

Montag, 7. März 2011

Hellmut Kuby - Baumeister des Friedens

Seit 27 Jahren verleiht der Ortsverein der SPD in Nürtingen am Abend des Aschermittwochs in der Nürtinger Kreuzkirche das Ei der Heckschnärre. Über diesen Faschingsorden, der als Gegengewicht gegen die politischen Aschermittwochsreden der bayerischen CSU erfunden worden ist, hat man in letzter Zeit schon viel geschrieben. Der Frickenhäuser Verleger Dr. Peter Sindlinger hat zur Geschichte dieser Verleihung ein Buch gemacht, in dem - neben mir - der Ei-Mitbegründer Helmut Nauendorf sowie die beiden Nürtinger SPD-Politiker Bärbel Kehl-Maurer (Ortsvereinsvorsitzende und Stadträtin) und Dr. Hans-Wolfgang Wetzel (Fraktionsvorsitzender der SPD im Nürtinger Gemeinderat) die Preisträger und deren Eigenheiten Revue passieren lassen.
Der Nürtinger Wappenvogel Heckschnärre im Giebel des Rathauses.
Jedes Jahr wird am 11.  November durch die Eierkommission der Preisträger des Folgejahres bestimmt. Für dieses Jahr 2011 ist der Nürtinger Architekt Hellmut Kuby auserwählt worden, das Ei entgegen zu nehmen. Es ist mit dem Auftrag zum Brüten verbunden, so lange, bis daraus wieder eine Heckschnärre schlüpfen würde.
Die lebendige Heckschnärre hat Nürtingen längst verlassen, nicht zuletzt deswegen, weil ihre Flussauen mehr und mehr zugebaut worden sind. Aufrecht und laut schärrend und schnärrend hat sie früher ihr Revier verteidigt. Dieses Attribut gab das ideelle Bild ab, aus dem dieser Orden geboren worden ist: Ausgewählt werden Männer und Frauen, die genau dieses getan haben - natürlich im übertragenen Sinn zu verstehen - bezogen auf unsere Stadt und ihre Entwicklungslinien, ihre Werte und Vorzüge, die nicht selten zur Disposition gestellt werden. Die Galerie der Eierträger reicht bis 1984 zurück. Der Nürtinger Journalist Jürgen Gerrmann war der erste Preisträger. Viele bedeutende Köpfe folgten.
Im Jahr des ersten Irakkrieges wurde die Verleihung ausgesetzt. Stattdessen gab es eine literarische Stunde mit Szenen, Gedichten und Aktionen zu Elend und Dummheit des Kriegführens. Keine zehn Jahre später hat es die deutsche Öffentlichkeit hingenommen, dass die Schröder-Fischer-Regierung einen völkerrechtswidrigen Kriegseinsatz unter Beteiligung der deutschen Luftwaffe geführt hat. Seither scheint Krieg - im Ausland - die Deutschen nicht zu mehr zu stören. Auch nicht der zweite Irakkrieg, der nachweislich ein auf Propagandalügen gebauter völkerrechtswidriger Alleingang der Amerikaner und Briten gewesen ist. Auch die jetzige rechtskonservative deutsche Regierung hat den Krieg in Afghanistan viel zu lange als Einsatz der Entwicklungshilfe verniedlicht. Dies ist für Hellmut Kuby eine nicht hinzunehmende Verirrung.
Kuby ist Pfälzer aus Edenkoben. Die Biografie seiner Familie, geschrieben von seinem Onkel Erich Kuby, trägt den Titel Lauter Patrioten. Seit über 50 Jahren lebt und wirkte Hellmut Kuby in Nürtingen als Architekt der Werkgemeinschaft Weinbrenner, Kuby, Rehm & Maier. In seinem Skizzenbuch sind viele bedeutende und europaweit gerühmte Bauwerke konzipiert worden. Sein Umbau des berühmten Haus auf der Alb, einer Begegenungsstätte in Urach, war ein maßgebliches Projekt. Das Haus auf der Alb ist in Wikipedia dokumentiert:
In Nürtingen hat Kuby 1970 das Kreiskrankenhaus gebaut, zuvor die Versöhnungskirche und Teile des Stadtteils Roßdorf. Seine Verdienste als Revierverteidiger hat er sich erworben durch klugen und entschiedenen Einsatz für oder gegen Bauprojekte, die seiner Meinung nach sinnlos gewesen wären. Zum einen die Planung von Atomschutzbunkern unter Neubauten von Supermarkt und Rathaus. Und schließlich, in jüngerer Zeit, Abriss und aufgeblasener Umbau des Hölderlinhauses zwischen Neckarsteige und Schloßgartenstraße.

Kuby nennt sich „von den Nationalsozialisten verführt“, hat im Sommer 1945, nach anderthalb Jahren Segelschulschiff der Marine, als Zwanzigjähriger die Einsicht gewonnen, dass Krieg sich nicht wiederholen dürfe und dass er seine Jugend einer verbrecherischen Politik verschenkt hatte. Seither hat er sich zeitlebens für eine Welt des Friedens eingesetzt, spürbar in dieser Stadt. „Im Alter von zwanzig Jahren bin ich von diesem Irrtum geheilt worden“, sagt er selbstkritisch bis heute.
Nachdem Hellmut Kuby als Eierträger bestimmt war, hat er mich gebeten, die zur Liturgie der Verleihung gehörende Laudatio zu übernehmen. Das tue ich gerne, und ich freue mich auf den Aschermittwochabend.
Beginn ist um 19 Uhr. Die Veranstaltung wird musikalisch bereichert durch eine Klezmer-Band, der Hellmut Kuby nahe steht. Nach dem offiziellen Teil gibt es im Dachgeschoss der Kreuzkirche das legendäre Fischbüffet, das die Damen der SPD zusammenstellen. Eingeladen sind alle Bürgerinnen und Bürger. Die Kreuzkirche hat Platz für knapp 200 Personen. Wer einen Sitzplatz will, der komme rechtzeitig.

Totte Hosse

War gegen 11 Uhr im Roßdorflädle zum Einkaufen. Fast alle Parkplätze belegt. Auf den Straßen und Wegen niemand. Im so genannten Ladenzentrum insgesamt fünf Personen, mit vieren hab ich geredet. Darunter eine lachende Bürgerin, eine geschäftige Bürgervereinigungsschattenvorsitzende im Kassendienst, ein wortkarger Gemeinderatsfraktionsvorsitzender, eine schmucke Pfarrerin, zwei Jungs beim Flaschen Abgeben. Andere Menschen habe ich nur von der Ferne gesehen. Zwei in der Apotheke, bedient von drei weiß gekleideten Pharmazeutinnen. Drei beim Bäcker, bedient von einer charmanten Dame. Einer Menschin also. Zwei Menschen in der Bankfiliale an den Automaten. Hinterm Tresen drei. Die Postagentur, einquartiert in der Hochzeitsmodenzentrale hat vormittags geschlossen. Vor dem Polizeirevier keine  besonderen Vorkommnisse.

Das dürfte sich bald geändert haben, denn die einzige tagsüber vitale Infrastrukturperle des Stadtteils würde demnächst zum traditionellen Sturm auf das Polizeirevier antreten: die Kinder vom Kindergarten Dürerplatz. Die entern gleich das Revier, angeführt von Erzieherinnen, die zu allem entschlossen sind. Ziel ist die Fesselung der Beamten auf ihren Bürostühlen. Sehr witzig. Schüsse fallen seit Jahren keine.

Die Musik zum folgenden Absatz:


Am frühen Nachmittag wird die eingespielte Bande dann die Ba-Ba-Ba-Bankfiliale überfallen. Danach gibt´s ein Büffett der Süßigkeiten für die lieben Kleinen. Gegen 17 Uhr werden im Stadtteil die Gehsteige hochgeklappt, und die Häuser warten auf die Heimkehr der Arbeitnehmer, um sie geborgen durch die Nacht zu hüten.


Das ist das Roßdorf, mein Stadtteil, das infrastrukturelle Stiefkind der Stadt. Russdorf sagen die einen, Schlafstadt die anderen, teure Heimat die dritten. Geld fließt in dieser Stadt überall hin, nur nicht den Berg herauf zu uns. Angeblich, weil man keines hat. Tatsächlich aber, weil es hier keine Interessenvertretungen gibt. Nur überfallene Beamte und Endverbraucher ohne Auto. Das muss sich ändern.

Liebe Leser, nehmen Sie hier ein erstes Auge voll Roßdorf, wie es in lieblicher Bläue west und lebt:
Der Nürtinger Stadtteil Roßdorf. Fotografiert im Frühling 2001 (Foto: RW)