Montag, 7. März 2011

Hellmut Kuby - Baumeister des Friedens

Seit 27 Jahren verleiht der Ortsverein der SPD in Nürtingen am Abend des Aschermittwochs in der Nürtinger Kreuzkirche das Ei der Heckschnärre. Über diesen Faschingsorden, der als Gegengewicht gegen die politischen Aschermittwochsreden der bayerischen CSU erfunden worden ist, hat man in letzter Zeit schon viel geschrieben. Der Frickenhäuser Verleger Dr. Peter Sindlinger hat zur Geschichte dieser Verleihung ein Buch gemacht, in dem - neben mir - der Ei-Mitbegründer Helmut Nauendorf sowie die beiden Nürtinger SPD-Politiker Bärbel Kehl-Maurer (Ortsvereinsvorsitzende und Stadträtin) und Dr. Hans-Wolfgang Wetzel (Fraktionsvorsitzender der SPD im Nürtinger Gemeinderat) die Preisträger und deren Eigenheiten Revue passieren lassen.
Der Nürtinger Wappenvogel Heckschnärre im Giebel des Rathauses.
Jedes Jahr wird am 11.  November durch die Eierkommission der Preisträger des Folgejahres bestimmt. Für dieses Jahr 2011 ist der Nürtinger Architekt Hellmut Kuby auserwählt worden, das Ei entgegen zu nehmen. Es ist mit dem Auftrag zum Brüten verbunden, so lange, bis daraus wieder eine Heckschnärre schlüpfen würde.
Die lebendige Heckschnärre hat Nürtingen längst verlassen, nicht zuletzt deswegen, weil ihre Flussauen mehr und mehr zugebaut worden sind. Aufrecht und laut schärrend und schnärrend hat sie früher ihr Revier verteidigt. Dieses Attribut gab das ideelle Bild ab, aus dem dieser Orden geboren worden ist: Ausgewählt werden Männer und Frauen, die genau dieses getan haben - natürlich im übertragenen Sinn zu verstehen - bezogen auf unsere Stadt und ihre Entwicklungslinien, ihre Werte und Vorzüge, die nicht selten zur Disposition gestellt werden. Die Galerie der Eierträger reicht bis 1984 zurück. Der Nürtinger Journalist Jürgen Gerrmann war der erste Preisträger. Viele bedeutende Köpfe folgten.
Im Jahr des ersten Irakkrieges wurde die Verleihung ausgesetzt. Stattdessen gab es eine literarische Stunde mit Szenen, Gedichten und Aktionen zu Elend und Dummheit des Kriegführens. Keine zehn Jahre später hat es die deutsche Öffentlichkeit hingenommen, dass die Schröder-Fischer-Regierung einen völkerrechtswidrigen Kriegseinsatz unter Beteiligung der deutschen Luftwaffe geführt hat. Seither scheint Krieg - im Ausland - die Deutschen nicht zu mehr zu stören. Auch nicht der zweite Irakkrieg, der nachweislich ein auf Propagandalügen gebauter völkerrechtswidriger Alleingang der Amerikaner und Briten gewesen ist. Auch die jetzige rechtskonservative deutsche Regierung hat den Krieg in Afghanistan viel zu lange als Einsatz der Entwicklungshilfe verniedlicht. Dies ist für Hellmut Kuby eine nicht hinzunehmende Verirrung.
Kuby ist Pfälzer aus Edenkoben. Die Biografie seiner Familie, geschrieben von seinem Onkel Erich Kuby, trägt den Titel Lauter Patrioten. Seit über 50 Jahren lebt und wirkte Hellmut Kuby in Nürtingen als Architekt der Werkgemeinschaft Weinbrenner, Kuby, Rehm & Maier. In seinem Skizzenbuch sind viele bedeutende und europaweit gerühmte Bauwerke konzipiert worden. Sein Umbau des berühmten Haus auf der Alb, einer Begegenungsstätte in Urach, war ein maßgebliches Projekt. Das Haus auf der Alb ist in Wikipedia dokumentiert:
In Nürtingen hat Kuby 1970 das Kreiskrankenhaus gebaut, zuvor die Versöhnungskirche und Teile des Stadtteils Roßdorf. Seine Verdienste als Revierverteidiger hat er sich erworben durch klugen und entschiedenen Einsatz für oder gegen Bauprojekte, die seiner Meinung nach sinnlos gewesen wären. Zum einen die Planung von Atomschutzbunkern unter Neubauten von Supermarkt und Rathaus. Und schließlich, in jüngerer Zeit, Abriss und aufgeblasener Umbau des Hölderlinhauses zwischen Neckarsteige und Schloßgartenstraße.

Kuby nennt sich „von den Nationalsozialisten verführt“, hat im Sommer 1945, nach anderthalb Jahren Segelschulschiff der Marine, als Zwanzigjähriger die Einsicht gewonnen, dass Krieg sich nicht wiederholen dürfe und dass er seine Jugend einer verbrecherischen Politik verschenkt hatte. Seither hat er sich zeitlebens für eine Welt des Friedens eingesetzt, spürbar in dieser Stadt. „Im Alter von zwanzig Jahren bin ich von diesem Irrtum geheilt worden“, sagt er selbstkritisch bis heute.
Nachdem Hellmut Kuby als Eierträger bestimmt war, hat er mich gebeten, die zur Liturgie der Verleihung gehörende Laudatio zu übernehmen. Das tue ich gerne, und ich freue mich auf den Aschermittwochabend.
Beginn ist um 19 Uhr. Die Veranstaltung wird musikalisch bereichert durch eine Klezmer-Band, der Hellmut Kuby nahe steht. Nach dem offiziellen Teil gibt es im Dachgeschoss der Kreuzkirche das legendäre Fischbüffet, das die Damen der SPD zusammenstellen. Eingeladen sind alle Bürgerinnen und Bürger. Die Kreuzkirche hat Platz für knapp 200 Personen. Wer einen Sitzplatz will, der komme rechtzeitig.

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