Sonntag, 29. Mai 2011

Leserbrief 03

Der Nürtinger Maientag ist ein Traditionsfest, dessen 400-jähriges Jubiläum im Jahre 2002 begangen wurde. Mit einem Riesenfestzug, der im Regen ertrank, weil man nicht den Mut hatte, vom Samstag auf den Sonntag zu rücken. Wegen logistischer Hürden.
Heuer war wieder ein ganz normaler Maientag und ein ganz normaler Festzug. Im Vorfeld gab es Reibereien, weil das Stadtoberhaupt den Beginn des Maientages partout durch einen Fassanstich im Bierzelt markieren wollte. Dagegen wehren sich alte Nürtinger wie ich. In der voran gegangenen Gemeinderatssitzung habe ich dagegen gewettert. Mein Fraktionskollege Rauscher blies ins gleiche Horn. Und dann stand in der Zeitung:

Kritik an Fassanstich zum Maientagsstart
Räte stören sich an Änderung im Programm des Traditionsfestes

VON ANNELIESE LIEB
NÜRTINGEN. „Eröffnung des Maientags mit Fassanstich durch Oberbürgermeister Heirich“ – dieser Satz im Programm des Nürtinger Heimatfestes, das heuer vom 27. bis 30. Mai gefeiert wird, trieb zwei Stadträten die Zornesröte ins Gesicht. Peter Rauscher und Reinmar Wipper von der Nürtinger Liste/Grüne brachten ihre Verärgerung in der Sitzung des Kultur-, Schul- und Sozialausschusses wortreich zum Ausdruck. Dass der Maientag nicht mit dem Maisingen eröffnet wird, sondern mit dem Fassanstich im Zelt, sieht Rauscher als „Eingriff in gewachsene Strukturen unserer Stadtkultur“. Ihm missfalle, dass in den obersten Regionen des Rathauses solche Dinge entschieden würden, ohne den Gemeinderat vorher zu hören.
Jörg Widmaier, der Leiter des Schul-, Kultur- und Sportamtes, entkräftete den Vorwurf. Ein Arbeitskreis habe sich mit dem Festprogramm beschäftigt. Um Überschneidungen mit dem „Lehrervesper“ nach dem Maisingen (es handelt sich dabei um eine Dank-Veranstaltung der Stadt, um den Lehrern für ihr Engagement beim Maientag zu danken) und dem Fassanstich zu vermeiden, habe man die Eröffnung im Zelt vorgezogen. So könnten die Gemeinderäte sowohl beim Fassanstich als auch beim Maisingen dabei sein. Das sei dem Gemeinderat so auch zur Kenntnis gegeben worden.
Auch Arnulf Dümmel (Freie Wähler) vertrat die Auffassung, dass der Maientag nicht mit dem Fassanstich eröffnet werden sollte. CDU-Fraktionschef Kunzmann fand die Sache etwas zu hoch gehängt. Den Festbetrieb parallel zum Maisingen habe es schon immer gegeben. Dazugekommen sei lediglich der Fassanstich, der zumindest einer Person besonders wichtig sei. Aber „Festzelt und Rummel gehören auch zum Maientag“. Dr. Otto Unger empfahl, im nächsten Maientagsprogramm 2012 beim Fassanstich die Worte „Eröffnung des Maientages“ zu streichen.


Wieder mal dasselbe Spiel: Wir wenden uns gegen den Fassanstich als vorgezogenen Beginn und Startschuss des Maientags - und wer nicht genau hinhört, der unterstellt uns, wir lehnten den Festbetrieb auf dem Rummel ab. Es ging auch nicht um Kritik an einer "Entzerrung", sondern darum, dass a) ein Fassanstich zum traditionellen Maientagsritual erklärt wird und b) damit dem Maiensingen als traditionelle Eröffnung des Maientags der Rang abgelaufen wird. 

Deshalb habe ich in einem Leserbrief an meine Heimatzeitung dazu Stellung genommen:


Reinmar Wipper, Nürtingen. Zum Artikel „Kritik an Fassanstich zum Maientagsstart“ vom 20. Mai. Warum soll ein Mann etwas gegen Fassanstiche haben? Und erst recht am Maientag? Als Mann aus Nürtingen finde ich es aber verkehrt, wenn der Oberbürgermeister das Fass-Anstechen zu einem Maientagsritual hochlobt und damit sogar den Maientag eröffnen will. Neuerdings. Der Maientag ist aber kein Neuerdings. Er hat seine Tradition, ob das neuerdings passt oder nicht. Und das werde ich einfordern solange ich lebe.
Nichts gegen Bierzelte, Rummel und Anmachmusik. Mein erster Weg nach dem Festzug führt mich mitsamt der Familie ins Zelt zum kühlen Festbier und der heißen Festwurst. Seit einem halben Jahrhundert. Aber das ist Beiwerk. Der Maientag ist das Fest der Nürtinger Familien, der Kinder – und der Stadtväter.
Als Mitglied der Letzteren habe ich dazu meinen Mund aufgemacht, und ergänzt gesagt, ich würde mich so lange zu Wort melden, wie jemand glaube, den Maientag nach seinem Bilde schnitzen zu können. Zum Maientag gehört als Beginn das Maiensingen der Schulkinder und nicht das Fassanstechen der Volksfestler. Und danach das gemeinsame Vesper von Stadtvätern und Lehrern, ein Akt gegenseitigen Respekts und der Anerkennung. Da wird aber ohne Not gespart und geklemmt, sodass man sich schämen muss.
In jeder Sitzung ist das Vesper üppiger. Zwölf Stadträte des Kulturausschusses und die unermüdlichen Maientagslehrer sind geladen. Alle anderen sind Selbstzahler. Und das zweite Getränk holt man sich bittschön selber an der Kasse. Im selben Atemzug werden im Rathaus riesige Summen durchgewinkt, die sich keiner vorstellen kann.
Im Zeitungsbericht sind meine kritischen Worte meinem Kollegen Rauscher in den Mund gelegt worden. Das ist nicht weiter schlimm. Wir sind uns ja einig. Vielleicht auch hat die Berichterstatterin gemeint, beim Kollegen Rauscher komme es eh nicht mehr drauf an. Ich lege jedoch Wert darauf, dass auch ich in diesem Fall zu den Polterern gehöre. Und zwar mit erhobenem Haupt. Und so lange, bis es nicht mehr nötig sein wird. Und das tät ich gerne noch erleben, so Gott will.

Darauf hat dann ein weiterer Kollege geantwortet. Und das lesen wir unter der Überschrift Leserbrief 4.

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