Montag, 7. März 2011

Totte Hosse

War gegen 11 Uhr im Roßdorflädle zum Einkaufen. Fast alle Parkplätze belegt. Auf den Straßen und Wegen niemand. Im so genannten Ladenzentrum insgesamt fünf Personen, mit vieren hab ich geredet. Darunter eine lachende Bürgerin, eine geschäftige Bürgervereinigungsschattenvorsitzende im Kassendienst, ein wortkarger Gemeinderatsfraktionsvorsitzender, eine schmucke Pfarrerin, zwei Jungs beim Flaschen Abgeben. Andere Menschen habe ich nur von der Ferne gesehen. Zwei in der Apotheke, bedient von drei weiß gekleideten Pharmazeutinnen. Drei beim Bäcker, bedient von einer charmanten Dame. Einer Menschin also. Zwei Menschen in der Bankfiliale an den Automaten. Hinterm Tresen drei. Die Postagentur, einquartiert in der Hochzeitsmodenzentrale hat vormittags geschlossen. Vor dem Polizeirevier keine  besonderen Vorkommnisse.

Das dürfte sich bald geändert haben, denn die einzige tagsüber vitale Infrastrukturperle des Stadtteils würde demnächst zum traditionellen Sturm auf das Polizeirevier antreten: die Kinder vom Kindergarten Dürerplatz. Die entern gleich das Revier, angeführt von Erzieherinnen, die zu allem entschlossen sind. Ziel ist die Fesselung der Beamten auf ihren Bürostühlen. Sehr witzig. Schüsse fallen seit Jahren keine.

Die Musik zum folgenden Absatz:


Am frühen Nachmittag wird die eingespielte Bande dann die Ba-Ba-Ba-Bankfiliale überfallen. Danach gibt´s ein Büffett der Süßigkeiten für die lieben Kleinen. Gegen 17 Uhr werden im Stadtteil die Gehsteige hochgeklappt, und die Häuser warten auf die Heimkehr der Arbeitnehmer, um sie geborgen durch die Nacht zu hüten.


Das ist das Roßdorf, mein Stadtteil, das infrastrukturelle Stiefkind der Stadt. Russdorf sagen die einen, Schlafstadt die anderen, teure Heimat die dritten. Geld fließt in dieser Stadt überall hin, nur nicht den Berg herauf zu uns. Angeblich, weil man keines hat. Tatsächlich aber, weil es hier keine Interessenvertretungen gibt. Nur überfallene Beamte und Endverbraucher ohne Auto. Das muss sich ändern.

Liebe Leser, nehmen Sie hier ein erstes Auge voll Roßdorf, wie es in lieblicher Bläue west und lebt:
Der Nürtinger Stadtteil Roßdorf. Fotografiert im Frühling 2001 (Foto: RW)

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