Donnerstag, 10. März 2011

Laudatio für Hellmut Kuby

Der Nürtinger Architekt und Pazifist Hellmut Kuby erhielt am Aschermittwoch 2011 von der Nürtinger SPD das Ei der Heckschnärre verliehen für seinen aufrechten bürgerschaftlichen Einsatz für Belange der Stadt und der politischen Moral.

Aus meiner Laudatio hier die wesentlichen Abschnitte. Persönliches wurde an den durch ..... markierten Stellen übersprungen.


Ich darf Ihnen, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, die Verdienste und die persönlichen Maßstäbe des Mitbürgers Hellmut Kuby skizzieren. Er hat ein ganzes Berufsleben lang in Nürtingen gelebt und gewirkt, mit und in seiner Familie, in einer Werkgemeinschaft von nicht alltäglichen, authentischen Architekten. Er ist kein Ungehorsamer. Man kennt ihn nicht aus den Schlagzeilen. Er denkt und denkt nach, und er meldet sich zu Wort. Er hat geplant und gebaut, Bestehendes und Schwindendes, er misst sich selbst und andere an Werten, die ihm maßgeblich geworden sind. Dafür wird Hellmut Kuby heute das Ei der Heckschnärre zum Brüten anvertraut.
Er ist kein Anführer und Antreiber, kein Aufrührer und Umtreiber. Dies muss betont werden. Es ist ja Mode geworden, Gegenpositionen grundsätzlich als nicht staatstragend abzutun.
Kuby fällt nichts ein, wie der Bildhauer Alfred Hrdlicka gemeint hat - einem Baumeister sollte ohnehin nichts einfallen - ihm fällt was auf! Und daraus zieht er Konsequenzen. Bis hin zur Empörung! Und dann spricht er darüber, schreibt und handelt.
Dieser Pfälzer aus dem linksrheinischen Edenkoben, wo sein Vater eine Weinhandlung führte, groß geworden nur unweit vom Hambacher Schloss, dem süddeutschen Bergwerk der Gedankenfreiheit, hat in vielen Jahrzehnten das Nürtinger Revier zu seinem eigenen gemacht. Seine Familiengeschichte, von seinem Onkel Erich Kuby geschrieben, trägt den Titel „Lauter Patrioten“.
Hellmut Kuby ist den mitunter rohen Veränderungsabsichten im Biotop Nürtingen nicht ausgewichen. Ein Kriterium der Eierwürde hat er allerdings nicht erfüllt: Er hat nie geschärrt und geschnärrt. Er war und ist nie laut. Aus der Distanz sich annähernd, die Menschen beobachtend und die Standpunkte taxierend, pflegt er sich dazu zu stellen und erst mal zuzuhören. Ein Gentleman der Diskussion und des schlanken Widerwortes.
Er ist sanft auf die Füße derer getreten, die holzten und bolzten, und er hat sich nicht einschüchtern lassen. Er argumentiert, süffisant hin und wieder, schärfer als gewohnt, wenn er auf Ignoranz stößt, die sich zum Maßstab erheben will. Er hatte und hat es nicht nötig, mit der Abrissbirne zu kommen, wie oftmals diejenigen, gegen deren Absichten er sich zur Wehr gesetzt hat. Auch im Streit hat er immer abgewogen, Varianten und modifizierte Lösungen angeboten und dafür geworben.
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Als es in Nürtingen um einen Bunker ging, einen Atomschutzbunker, mitten in der Stadt, unter dem geplanten ALDI-Neubau, am unteren Ende vom Heiligkreuz, da haben Hellmut Kuby und sein Kollege Robert Maier klipp und klar im Rathaus erklärt, dass sie von diesem Teil der Planung entbunden sein wollten, sollte man von ihnen verlangen, den in ihren Augen sinnlosen Bunker ins Fundament zu legen.
Die Sache gipfelte in einem Bürgerentscheid, der allerdings erst beim Rathausneubau, aber eben in derselben unsinnigen Vorsorgeabsicht durchgesetzt worden ist. Am 16. März 1986 haben 47 Prozent der Abstimmungsberechtigten den Bunker vom Tisch gefegt. Ein unerhörtes Ergebnis, von dem jeder Kommunalpolitiker nur träumen kann. Die kollektive, bürgerliche Vernunft hatte gesiegt über die gewählte Vernunft ihrer Vertreter.
In jüngerer Zeit hat er durch einen kleinen Kniff viel bewirkt. Nach dem Studium der Umbaupläne zum Hölderlinhaus meinte er, offenbar sei weder dem Gemeinderat noch der Bevölkerung klar, dass aus sechs Zentimetern im Plan 12 Meter in natura werden. Also hat er auf der Schloßgartenstraße einen Pflasterstein, der die äußerste Ecke des geplanten Neubaus darstellte, rot lackiert. Alle Welt staunte, auf welche Enge dann der freie Platz vor dem Haus schrumpfen würde. Bald war der Abriss vom Tisch, und heute fehlt nur noch die Aufhebung des gemeinderätlichen Beschlusses.
Das hohe Maß an kritischer Reflexion, auch im Wettstreit der Meinungen, habe ich an Hellmut Kuby von Anfang an geschätzt. Wir standen vor 15 Jahren in den lehrreichen Auseinandersetzungen um die Hochspannungsleitungen, die über unser Grundstück im Roßdorf und über unsere südlichen Stadtteile geführt werden. Wir haben einen letztlich aussichtslosen Kampf gegen die Dominanz der Neckarwerke geführt. Bis in die Illustrierten haben wir es gebracht - und verloren, vor dem Verwaltungsgericht in Mannheim.
Politik, Wirtschaft und Gerichtsbarkeit zogen damals an einem Strang. Wir sind ausgetrickst und vorgeführt worden als besserwisserische Nörgler - und wir wissen es dennoch besser: Man wollte die Bürger und ihre Anliegen weder wahrnehmen noch ernst nehmen! Wir lehnten Profit ab, der das Allgemeinwohl vorschiebt.
Nach dem Urteil haben die Neckarwerke veröffentlichen lassen, natürlich sei es nicht zuerst um die Nahversorgung, also um das Allgemeinwohl gegangen, sondern um die Teilnahme am europäischen Stromverschiebebetrieb zwischen Frankreich und Ungarn. Das Allgemeinwohl als Dreingabe großer Konzerngeschäfte.
Damals schon ging es um die Grundfrage politischen Handelns, die heute in Nürtingen, in Stuttgart und an vielen anderen Orten stürmisch aktuell geworden ist und mittlerweile sogar von den Regierenden adaptiert wird: Die Bürger vor großen Entscheidungen rechtzeitig mitnehmen. Dieser Slogan wird aber so lange Wortstroh bleiben, wie den Sprüchen keine Taten folgen. Die entscheidende Frage lautet: Enden die demokratischen Ansprüche der Bürger mit dem Verlassen der Wahlkabine? Werden politische Ämter nach der Wahl in eine Art demokratischen Absolutismus entlassen, bis erneut gewählt wird?
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Schließlich ist von dem Pazifisten Hellmut Kuby zu reden, dem unermüdlichen Mahner gegen den Krieg. In Tarnanzügen kommt der Krieg daher, geschminkt durch sprachliche Pirouetten. Kuby´s Haltung zu jeder Art von Waffengang kann man nicht abfragen, so wie ich es als Schöffe in Widerspruchsverfahren für Kriegsdienstverweigerer erleben musste. Haltung ist nie spektakulär. Geht sie nach außen, verflacht sie zum Plakat. Haltung ist verletzlich. Man kann sich mit ihr weder panzern noch sich hinter ihr verkriechen. Haltung ist unberührbar und gleichzeitig ungeschützt. Wollte Haltung glänzen, würde sie zur Selbstinszenierung gerinnen, prostituiert auf dem Boulevard der Eitelkeiten.
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Widerstand ist ein Begriff, der seit den Kontroversen um Stuttgart 21, um den Großen Forst in Nürtingen, um das Verstümmeln oder unkenntlich Machen des Städtischen die Gesellschaft spaltet. Die einen wittern Verrat, sehen Ordnung und Gesetze, Regeln und Verträge ausgehebelt. Die anderen sehen im Widerstand den einzigen Weg, dieser Walze von behaupteten Sachzwängen auszuweichen. Hellmut Kuby erhält das Ei der Heckschnärre, dieses Symbol des sich Einmischens, weil er widerständig wird, wenn er das Wesentliche gefährdet sieht. Das Wesentliche aber ist für ihn die christliche Maxime „Missbrauche deinen Einfluss nicht dazu, das Leben anderer zu erschweren“.
Diese Form des Widerstands ist konstruktiv und konservativ im eigentlichen Wortsinn. Sie konserviert aber nicht, sie packt nicht in Konserven, sie bewahrt. Sie bewahrt das Bewährte vor dem Zugriff kurzlebigen Profits. Sie hat die Menschen im Sinn und hält diese für klug genug, gemeinsame, mehrheitliche Entscheidungen zu treffen, auch zwischen den Wahltagen. Dieser konstruktive Widerstand gehört zu dieser seit Jahren proklamierten Gesellschaft der Bürgerinnen und Bürger, für die ja die Auszeichnungen über unsere Stadt nur so vom Himmel fallen, für das „Wirgefühl“, das vor Jahren schon im Nürtinger Rathaus ausgerufen worden ist.
In solcher Haltung wird Denken und Handeln gebündelt in der Art der Schwarmintelligenz, wenn Einzelwissen und Einzelimpulse koordiniert werden, wie wenn Tausende von Vögeln oder Fischen sich im Schwarm bewegen, oder Zigtausend Ameisen oder Bienen ihre Staaten gestalten, steuern, stärken und schützen.
Diese Intelligenz bleibt nicht in der Wahlkabine am Kleiderhaken. Sie quillt hinein in die Stadt, geht mit anderen zusammen, in Fachgremien, in Laiengremien, auf Demonstrationen, in der Leserbriefspalte und bei Lokalterminen. Diese Form des Widerstands wird mit dem blödsinnigen Wort Wutbürger nicht beschrieben. Sie heißt Mitmachen, sich Einmischen, Abwägen, Bewerten, Warnen, Korrigieren. So hat Hellmut Kuby in Nürtingen jahrzehntelang und beispielhaft gewirkt und sich eingesetzt. Dafür danken wir ihm. Und dafür erhält er gleich jetzt dieses schöne Ei.

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